Reformatorische Errungenschaften von höchstem Wert

Der täuferische Theologe Balthasar Hubmaier setzte sich ebenfalls für Religionsfreiheit ein und wurde 1528 in Wien verbrannt. 1612 veröffentlichte der Baptist Thomas Helwys in London ein Manifest, das sich für die volle Religionsfreiheit des Individuums einsetzte und die Neutralität des Staates in Glaubens- und Gewissensfragen einforderte. Er starb im Gefängnis.
Schon als die Täufer auf den großen Bruderhöfen in Böhmen und Mähren in Gütergemeinschaft lebten, hatten sie nach urchristlichem Vorbild alle Güter gemein, denn Gott ist der Eigentümer aller Dinge und vor Gott sind alle Menschen gleichwertig. Sie wählten aus ihren Reihen Verwalter, die die weltlichen Dinge in Ordnung halten sollten; und sie wählten Prediger, die für geistlichen Belange zuständig waren. Ansonsten wurden alle gemeinsamen Anliegen demokratisch miteinander besprochen und beschlossen.

Am Beginn des 17. Jahrunderts waren Täufer aus ganz Europa, speziell auch Puritaner und Baptisten aus England zu den Mennoniten in die Niederlande geflüchtet, um dort unter der Religionsfreiheit der Oranier Zuflucht zu finden. Aber bald waren die Verhältnisse auch dort zu eng und etwa 100 von ihnen, die „Pilgerväter und -Mütter“ machten sich im Jahr 1620 mit dem legendären Schiff „Mayflower“ auf in ein neues „gelobtes Land“, in die neuen Kolonien Nordamerikas. Die Ankömmlinge machten schon vor Verlassen des Schiffes einen Vertrag für das Zusammenleben gleichwertiger Menschen mit einem von allen gewählten Ältesten. „Compact of governement“ = dies kann als erster Demokratievertrag verstanden werden.

Bild der Mayflower: Mayflower in Plymouth“, von William Halsall (1882)
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Mayflower(ship,1609)?uselang=de

Der baptistische Pastor und Jurist Roger Williams, selbst wegen seiner Glaubensüberzeugung verfolgt, gründete 1639 auf Rhode Island eine neue Kolonie, wobei er sogleich „die volle Freiheit in religiösen Angelegenheiten für alle Bewohner“ in der damalig ersten demokratischen Verfassung verankerte. Roger Williams war, im Gegensatz zu europäischen Denkern, wo zeitgleich der Dreißigjährige Krieg wütete, der Überzeugung, dass Gewissensfreiheit nicht zu politischer Unordnung führt, sondern erst Ordnung und Frieden ermöglicht.
Für wertvolle Dienste erhielt William Penn aus der Quäker-Freikirche 1682 vom englischen König Charles II. ein Gebiet so groß wie das heutige Portugal. Er nannte es Pennsylvania und setzte schon bei der Gründung seinen Staatsentwurf um: Dazu gehörte die volle Gewährung von Glaubens- und Gewissensfreiheit wie auch ein allgemeines Wahlrecht und Schutz- und Bürgerrechte auch und gerade für die dort lebenden Ureinwohner.

Persönlichkeiten aus christlichen Freikirchen waren es wiederum, die sich 1776 für die Aufnahme dieser grundlegenden Werte in die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten einsetzten.

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind.“

Dort sind diese biblischen Werte bereits als „unveräußerliche“ Rechte definiert. Und der erste Zusatz in der Bill of Rights als dem Vorbild für die Grundrechtskataloge europäischer Verfassungen lautet: „Congress shall make no law respecting the establishment of religion or prohibiting the free exercise thereof.“

„Die Freikirchen, zu denen die Mehrheit der Siedler gehörten, wurden repräsentativ-demokratisch geleitet. Sie waren „die Kinder der Wiedergeborenen“,… „der Zweck des Lebens war immer noch die Verherrlichung Gottes“. Dieser religiösen Grundüberzeugung entsprechend, begründeten sie die allgemeinen Menschenrechte theologisch aus dem biblischen Schöpfungsglauben: Die Menschenrechte sind theonomes, d. h. Gottesrecht betreffendes Gedankengut.“²

Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung vom 26. August 1789 greift diese Ideen auf und führt sie weiter aus in die bekannten Theoreme „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ in Anlehnung an die zu der Zeit aktuellen philosophischen Ideen der Aufklärung.

Die Allgemeine Menschenrechtserklärung der United Nations von 1948 nimmt mit den Worten „im Geist der Brüderlichkeit“ und „Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied“ auf diese Rechtstradition Bezug. Die Europäische Menschenrechtskonvention von 1950 ist weitgehend von der UN-Charta beeinflusst und bildete die Basis zu einer gemeinsamen Verfassung der EU.

Religionsfreiheit wurde in Europa defacto erst nach dem Zweiten Weltkrieg gewährt. Seither strömen denn auch die evangelischen Freikirchen zurück auf den Kontinent ihrer ursprünglichen Herkunft.

Entfaltung eines biblischen Demokratiekonzeptes

Im frühen Vorbild des alttestamentlichen republikanisch und demokratisch verfassten Israel3 finden wir das Grundmodell von demokratisch–republikanischem Zusammenleben von Gesellschaften. Nach diesem Grundmodell versuchte die urchristlichen Gemeinschaft zusammen zu leben und dieses Modell wurde von den evangelischen Freikirchen weiterentwickelt. Nur diese Gemeinschaft Gleichwertiger sei dazu berufen, unter Leitung des Heiligen Geistes ihre eigenen Hirten (Pastoren) zu wählen, die die „congregatio“ (die eigenverantwortliche Einzelgemeinde) leiten sollten, indem sie der Gemeinschaft mit ihren Gaben dienen. Ein solches kongregationalistisches Kirchenmodell wurde zuerst bei den Täufern eingeführt.
Dieses Leitungsmodell steht im ausgesprochenen Gegensatz zur Monarchie der päpstlichen, aber auch zur Aristokratie der bischöflichen Kirchenverfassung, die eine Verleugnung der alleinigen Königsherrschaft Christi darstelle.
Nach den Täufern führten auch die Hugenotten dieses Modell 1559 bei ihrer Nationalsynode in Paris ein, die Baptisten in England führten es 1567 in ihren Londoner Gemeinden ein und nahmen es mit auf ihrer Flucht in das damalige Nordamerika. 1636 wurde die Havard University gegründet, die erste theologische Bildungsstätte des Kongregationalismus.

Im Sinne des neutestamentlichen Gedankens der Gleichheit und Verantwortlichkeit aller Gläubigen nehmen alle Mitglieder teil am Wohl und Wehe der kirchlichen Gemeinde. Dies entspricht der Teilnahme der Bürger im gesellschaftlichen Gemeinwesen, einem politischen Engagement aller Bürger in einer Demokratie. Alle gemeinsam sind dem „Gemeinwohl“ verpflichtet.
Der von den evangelischen Freikirchen konsequent vertretene neutestamentliche Grundsatz der Gleichberechtigung und Gleichverpflichtung aller Menschen, prägten entscheidend die gesamte amerikanische politische Kultur, ja die ganze englischsprachige Welt von Grund auf weit früher und profunder als dies auf dem europäischen Kontinent möglich war, der bis nach dem Zweiten Weltkrieg in den Klauen von hierarchisch geprägten kirchlichen und staatlichen Machtblöcken gefangen gehalten und entsprechend geprägt wurde.

Gegen Rassismus und für Gleichberechtigung und Sozialstaat

In afroamerikanischen Baptistenkirchen war die Rassentrennung schon von Beginn an aufgehoben, alle Menschen hatten die gleichen Rechte und Pflichten und so waren solche Freikirchen die ersten Orte, in denen eine ansonsten unterprivilegierte Volksgruppe lernen konnte, eine eigene Identität des aufrechten Ganges zu entfalten. An solchen Orten konnten sie ohne Bevormundung von Weißen lernen, sich selbst zu organisieren.

Ein Großteil des Civil Rights Movement begann so unter der Führung von freikirchlichen Predigern, wie Adam Powell oder Martin Luther King Vater (1899–1984) und Sohn (1929–1968). Von dort her organisierte sich die Bürgerrechtsbewegung und brachte nach langen, gewaltlosen Aktionen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einschneidende soziale Fortschritte. Gewaltlosen Widerstand als Kampfmittel nahm der baptistische Geistliche Joseph Dokes auch mit in die Mission nach Südafrika. Dort lernte Mahatma Gandhi von ihm und führte das indische Volk damit in die Freiheit von der Bevormundung durch die Briten.

In der Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg waren wiederum evangelische Freikirchen maßgeblich an der Social Gospel Bewegung beteiligt. Der Vater dieser Bewegung, Walter Rauschenbusch, war ein deutschstämmiger Professor und Baptistenprediger. Er und andere kritisierten den unverhältnismäßigen Reichtum von Unternehmern, den diese durch die Ausbeutung der Arbeiter gewonnen hatten. Er rief die Christen dazu auf, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen und in diesem Sinne Gottes Reich auf Erden voranzutreiben. Er nannte dies „biblische Gemeinwohlökonomie“, „die Gottes Willen gemäß organisierte Menschheit“.

Grundpfeiler der westlichen Zivilisation

Wenn heute Demokratie und Menschenrechte, Gleichberechtigung und Sozialstaat als Grundpfeiler der westlichen Zivilisationen weltweit für alle Menschen eingefordert werden, so darf darauf hingewiesen werden, dass es wesentlich Persönlichkeiten aus evangelischen Freikirchen waren, die das biblische Gedankengut des grundlegenden Menschenrechtes der Glaubens- und Gewissensfreiheit, der Gleichberechtigung und eines sozialen Wohlfahrtstaates in die Praxis ihrer kirchlichen Gemeinschaften einführten, einübten und sich dafür einsetzten, dass ein solches freies, gesichertes demokratisches Zusammenleben in den Verfassungen der jeweiligen politischen Gesellschaften verankert wurde.


1 Detailierte und ausführliche Schilderungen siehe: Hagspiel-Keller, Hella: Evangelische und Evangelikale Freikirchen. Ihre tiefen Wurzeln und ihre Relevanz in der Zukunft.
ISBN 978-3-95776-071-5 Verlag VTR 2017
2 Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten
3 SCHIRRMACHER, Thomas: Ethik, Band 3,2001, 616ff

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