Prognose für die Zukunft der weltweiten Christenheit

Das Phänomen habe mittlerweile Dimensionen erreicht, die nicht mehr zu ignorieren seien. Doch habe er die Erfahrung gemacht, wenn man ein Phänomen nicht mehr ignorieren könne, werde man möglicherweise immer noch versuchen, es wegzuerklären. Doch das Religiöse stehe, wie der im Englischen sprichwörtliche Elefant, mitten im Wohnzimmer. Spätestens seit dem 11. September 2001 ließe sich nicht mehr wegdiskutieren, dass wir bis auf wenige Ausnahmen in einer durch und durch religiösen Welt leben. Es habe, ihn, Berger, mehr als zehn Jahre gekostet, sich von der Säkularisierungsthese zu trennen. Ausschlaggebend sei eine Reihe von Erfahrungen mit dem Phänomen der Gegenkulturen in Europa und in den USA gewesen. Die evangelikalen Subkulturen seien in den USA zwar immer schon dagewesen, aber erst nachdem der „wiedergeborene“ Erdnussfarmer Jimmy Carter zum Präsidenten gewählt worden war [1977], fiel Berger auf, dass immerhin 60 Millionen² (inzwischen mehr als 80 Millionen) Amerikaner zu dieser Religionsgemeinschaft gehören. Hinzu kamen seine Erfahrungen in der Dritten Welt. Es sei unmöglich, sich in diesen Ländern aufzuhalten, ohne massive Formen von Religiosität zu erleben, so Berger. Die Religionen sind oft die treibenden Kräfte für gesellschaftliche Entwicklungen. Die Theorie also, dass Modernität und Säkularisierung untrennbar miteinander verbunden seien, ist eine sehr europäische.³ Europa ist aus globaler Perspektive eine Ausnahme, obige Vorstellung treffen nicht einmal auf die USA zu. Die Welt ist angefüllt mit Religion, auch solchen machtvollen religiösen Bewegungen, die nationale und ethnische Grenzen überschreiten. Natürlich begegnet man dieser Religiosität nicht, solange man sich nur mit Intellektuellen im akademischen Milieu in klimatisierten Konferenzräumen, wo auch immer in der Welt, trifft. Man wage einen Schritt nach draußen.

Eine neue Reformation

Berger zitiert dazu Allan Anderson: „Developments in the late twentieth century have amounted to a reformation of Christianity that has precipitated a resurgent interest in pneumatology and spirituality.“4 Während die alten protestantischen Kirchen im Norden und Westen der Welt ihre schrumpfenden Mitgliederzahlen beklagten, habe im Süden ein „most dramatic church growth“ stattgefunden. Auf der Südhalbkugel sei es im ausgehenden 20. Jahrhundert zu einer bemerkenswerten Ausbreitung evangelikaler-pentekostaler Christentumsformen gekommen, die die weltweite Religionsdemographie tiefgreifend verändert habe. Inzwischen wurden Zahlen von 600 Millionen (2008) evangelikaler Christen genannt und die Prognose für 2020 liegt bei vermutlich 800 Millionen.5

„During the 1990s, it was estimated that the Majority World1 mission movement had grown at seventeen times the rate of western missions. Countries like South Korea, Nigeria, Brazil and India have become major Christian missionary-sending nations, most of whose are Pentecostals.”7

In Südamerika8, Afrika und Asien9 seien riesige Kirchen entstanden, und auch das sich entwickelnde chinesische Christentum10 sei weitgehend evangelikal-pfingstlerisch geprägt. Dabei sind Zahlen von über 100 Millionen Christen allein in China im Gespräch.

Als William J. Seymour, der schwarze Prediger, im Jahr 1906 in der Azusa Street in Los Angeles anfing zu predigen, hat das vielleicht nur die amüsierte Aufmerksamkeit der lokalen Presse geweckt. In kurzer Zeit entstand daraus aber eine mächtige Erweckungsbewegung, die Missionare in die ganze Welt entsandte. Die Pfingstbewegung ist zum explosiven Teil des Evangelikalismus geworden, die, zentriert auf die Bibel und die lebendige Gegenwart und Macht Gottes, sehr erfolgreich auch auf nicht-christlichem Terrain missioniert. Die Pfingstbewegung unterstützt auch Frauen im Kampf gegen Machomoral und patriarchale Familienstrukturen.

In Afrika gehöre die Mehrheit der Evangelikalen zur Pfingstbewegung und man rechne allein dort mit 400 Millionen11 Mitgliedern. In Guatemala soll ein Drittel der Bevölkerung dazugehören, südlich der US-amerikanischen Grenze seien es 50 Millionen; die Pfingstbewegung missioniere erfolgreich in Indien und Süd-Ost-Asien12, unter den Roma in Europa, bei den ethnischen Minderheiten in Sibirien usw. Vor einigen Jahren gründete ein schwarzer pfingstlerischer Nigerianer (!) eine Gemeinde in Kiew, die mittlerweile 40.000 Mitglieder zähle und dies fast ausschließlich weiße Ukrainer (!).

David Martin, der britische Soziologe, begreift die Pfingstbewegung als „Propagandistin der protestantischen Ethik“ und damit als Agentin des sozialen und ökonomischen Fortschritts. Wenn davon gesprochen wird, dass solche religiöse Bewegungen ganze Gesellschaften verändern, so äußert sich Berger z.B. dazu ganz konkret:

„Wenn Leute einer biblischen Ethik folgen, also hart arbeiten, das Geld nicht versaufen, keine außerehelichen Beziehungen haben, die Kinder zur Schule schicken, zu christlicher Zeit nach Hause kommen, mit ihrer Frau reden anstatt sie zu schlagen, ist es wahrscheinlich, dass so Armut überwunden wird.“13

So ist denn auch zu beobachten, wie sich in solchen Ländern eine neue evangelisch-freikirchliche Mittelschicht entwickelt hat, die sich verantwortungsvoll in ihre Gesellschaften einbringen und sie auf eine hoffnungsvolle Art verändern.


1 Vgl. Berger, Peter L.: Die Welt ist angefüllt mit Religion. Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 12.10.2010, und Religion Heute. Wozu? Vol. 60, 53-56
2 Eine im Juni 2008 veröffentlichte Studie des www. Pew Forum on Religion & Public Life beziffert den Anteil der Evangelikalen an der amerikanischen Bevölkerung auf 26,3 % (ca. 80 Millionen). Die Evangelikalen stellen demnach vor den Katholiken (23,9 %) und den Anhängern der protestantischen „Mainline-Kirchen“ (18,1 %) die größte der in der Studie unterschiedenen religiösen Gruppierungen dar. Von: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Evangelikalismus&oldid%20=121479468
(abgerufen am 12. 08.2013)
3 The number of Christians around the world has nearly quadrupled in the last 100 years, from about 600 million in 1910 to more than 2 billion in 2010. But the world’s overall population also has risen rapidly, from an estimated 1.8 billion in 1910 to 6,9 billion in 2010. As a result, Christians make up about the same portion of the world’s population today (32%) as they did a century ago (35%). Von: Global Christianity – A Report on the Size and Distribution of the World’s Christian Population: Von: http://www.pewforum.org/2011/12/19/global-christianity-exec/ (abgerufen am 12.08.2013)
4 ANDERSON, Allan: Pentecostalism as a Global Movement in the 1990s. In: Koschorke, Klaus (Hg): Studies in the History of Christianity in the Non-Western World. Wiesbaden 2009, Vol. 15: Einstürzende Mauern. Das Epochenjahr in der Geschichte des Weltchristentums. 415-427, 415
5 Vgl. BARRET, D. B. / JOHNSON, T. M. / CROSSING, P. F.: Missionmetrics 2008. Reality Checks for Christian World Communions. In: International Bulletin of Missionary Research 32, 01/2008, 30
6 The term „Majority World“ is adapted from the New Internationalist and refers here to the continents of Asia, Africa, South America, the Pacific Islands and the Caribbean. Zit. bei Anderson, 415
7 JAFFARIAN, M.: Are there more non-western missionaries than western missionaries? In: International Bulletin of Missionary Research 28, July 2004, 132, zit. bei Anderson, 415
8 Im Jahr 2000 waren nach Schätzungen bereits bis zu 20% der Bevölkerung Lateinamerikas evangelikale Protestanten. Von: http://www.evangelikal.de/statistik.html (abgerufen am 10. 03. 2012)
9 Christianity has grown enormously in sub-Saharan Africa and the Asia-Pacific region, where there were relatively few Christians at the beginning of the 20th century. The share of the population that is Christian in sub-Saharan Africa climbed from 9% in 1910 to 63% in 2010, while in the Asia-Pacific region it rose from 3% to 7%. Christianity today – unlike a century ago – is truly a global faith. Von: http://www.pewforum.org/2011/12/19/global-christianity-exec/ (abgerufen am12. 08. 2013)
10 So hat die VR China mit etwa 100 Mio. Evangelikalen neben den USA die größte evangelikale Bevölkerung weltweit, die jedoch fast ausschließlich in Untergrund-Hauskirchen organisiert ist. Vgl. http://www.evangelikal.de/statistik.html (abgerufen am 10. 03. 2012)
11 Alle Zahlen lt. einer Studie des Phew Research Center, zit. bei Berger, 2010, 55
12 Auch in Indien und Indonesien leben jeweils mehr als 20 Millionen evangelikale Christen. Beeindruckend ist vor allem Südkorea. Dieses ehemals buddhistische Land, in dem 1880 die erste christliche Gemeinde gegründet wurde, hat heute fast 20 % Evangelikale und sendet nach den USA am meisten christliche Missionare aus. Von: http://www.evangelikal.de/statistik.html (abgerufen am 10. 03. 2012)
13 Peter Berger in einem Interview in: Die Furche, 2. Jänner 2014, 11

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