Die tiefen Wurzeln der christlichen Freikirchen oder die „Wiederkehr des Verdrängten“?

Ein Bedeutungswandel ist seit der offiziellen Trennung von Religion und Staat eingetreten. Inzwischen wird der Begriff meistens dazu verwendet, um sich gegenüber Volkskirchen abzugrenzen. Im Gegenüber zu den Volkskirchen betonen die Freikirchen das persönliche Bekenntnis jedes Einzelnen. Freiwillige Zugehörigkeit bedeutet in der Regel eine persönliche Entscheidung für die Mitgliedschaft in religionsmündigem Alter. In Freikirchen gilt das sola scriptura Prinzip der Reformation und das neutestamentliche Prinzip des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen. Motto: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen“. (Matt 18,20) Die Mehrheit dieser Freikirchen ist baptistisch orientiert, d.h. nur die Erwachsenentaufe als Bekenntnisakt und Ausdruck bewusster Umkehr wird als biblisch legitim anerkannt. Freikirchen erheben mehrheitlich keinen Absolutheitsanspruch, deshalb sind sie dem interkonfessionellen Gespräch gegenüber offen.

Der traditionelle Kirchenbegriff und die freikirchliche Alternative

Auch Martin Luther und seine Reformation übernahmen ihren Staats- und Kirchenbegriff als Erbe aus der konstantinschen Spätantike, ohne ihn weiter zu hinterfragen. Staatskirchentum beruht auf der Einheitlichkeit der Weltanschauung, die nur eine absolute Wahrheit kannte, welche das Leben der Herrscher und aller Untertanen umfasste. Im Gegensatz dazu wollten sich die Freikirchen nicht an diesem Staatskirchenmodell orientieren, sondern an der neutestamentlichen Gemeindeform. Sie verstanden diese als Gemeinschaft von Gläubigen, die „Gott mehr gehorchen wollten als den Menschen“ (Apg 5,27-29) und dem Kaiser nur das zu geben bereit war, was ihm aufgrund der Worte Jesu (Matt 22.21)³ zustand. Der Westfälische Friede (1648) sicherte den Freikirchen immer noch kein Existenzrecht zu, deshalb bezahlten nach wie vor viele Mitglieder von Freikirchen das Festhalten an ihren Überzeugungen mit Ausweisung, Verfolgung und Märtyrertod.

Zur Geschichte

1) Petrus Waldes aus Lyon übersetzt 1176 Teile des Neuen Testamentes in die Volkssprache und schickt seine Leute als Wanderprediger durch Südfrankreich und Norditalien, wo sie die ersten Freikirchen gründen. Verfolgung setzt ein, die Waldenser fliehen und zerstreuen sich ab dem 13. Jahrhundert in ganz Europa, wobei sie ihre Überzeugung überall hin mitnehmen.
2) Handwerker und Händler tragen den Ruf nach Reformation der Christenheit auch nach England. John Wycliff, Theologieprofessor und Dekan an der Universität Oxford, übersetzt die Bibel 1350 ins Englische und wiederum ist es eine Laienbewegung, die Lollarden, die, ständig auf der Flucht vor Verfolgung, ihre neutestamentliche Vorstellung von Christentum ab dem 14. Jahrhundert durch die Länder tragen.
3) Jan Hus, 1396, Theologe und Dekan an der Prager Universität, findet durch die Schriften Wycliffs Bestärkung in seinem reformerischen Denken und kann als Vordenker und -kämpfer für die heutige Gewissens- und Religionsfreiheit gewürdigt werden. Er übersetzt die Bibel ins Tschechische und entzündet die reformerische Hussitenbewegung. Daraus wachsen ab dem 15. Jahrhundert im Zusammenschluss mit Waldensern die Mährischen Brüder, aus denen durch die helfende Initiative des Grafen von Zinzendorf ab 1720 die Herrnhuter Brüdergemeine entsteht, die missionarischste Bewegung der Geschichte bis heute.
4) Als dritte Kraft der deutschen Reformation formieren sich 1525 in der Schweiz, Deutschland und Österreich die Täufer. Der Tiroler Täufer Jakob Huter flieht nach Böhmen, wo sich im Zusammenhang mit der böhmischen Reformation die Hutterer und Amischen entfalten, die später vor der Verfolgung durch die Gegenreformation nach Nordamerika fliehen und dort bis heute mit etwa 50.000 Mitgliedern in „urchristlichen Gemeinschaften“ zusammen leben.
5) Unter dem Wiedertäufermandat, das die Todesstrafe fordert, fliehen schweizerische und süddeutsche Täufer in die Niederlande, wo viele sich ab 1550 unter Menno Simons neu formieren und sich unter dem Schutznamen „Mennoniten“ (um der Todesstrafe zu entgehen) weit verbreiten. Auf Grund fortgesetzter Verfolgung retten wiederum eine große Zahl von Mennoniten ihr Leben nach Russland, wo ihnen Religionsfreiheit zugesichert wird. Andere Mennoniten wandern ab dem 17. Jahrhundert in die USA aus, entwickeln sich dort zu großen Verbänden.
6) Als Fortsetzung der Lollardenbewegung im Untergrund Englands entwickeln sich Ende des 15. Jahrhunderts im Zuge der englischen Reformation die Puritaner und Dissenters. Eine Gruppe von ihnen flüchtet nach Amsterdam und erhalten dort von Mennoniten die Erwachsenentaufe. Sie nennen sich Baptisten und gründen 1611 unter Lebensgefahr die ersten Freikirchen in London. Wieder oder noch immer fortwährender Verfolgung ausgesetzt, wandern viele nach Nordamerika aus und gründen 1639 in Rhode Island den ersten demokratischen Staat, und Religionsfreiheit wird schon bei der Gründung in der Verfassung verankert. Die Sklaverei wird dort schon 1669 verboten, während in Österreich noch bis 1738 Täufer als Sklaven an die habsburgischen Galeeren verkauft werden, was meistens tödlich endete.
Im Verbund mit den Quäkern setzen die Baptisten durch, dass Menschenrechte 1776 in der Unabhängigkeitserklärung der Verfassung der Vereinigten Staaten4 von Amerika verankert werden. Als 1964 in den USA die Rassentrennung gesetzlich aufgehoben wird, war dies in großem Maße dem baptistischen Prediger Martin Luther King zu verdanken.
7) Im 17. und 18. Jahrhundert entsteht in Deutschland im Zuge einer zweiten Reformations-welle der Pietismus, in England der Methodismus, was zu großen Erweckungsbewegungen, auch in den USA zum „great awakening“, führt. Von dort und schon damals werden Missionare ausgesandt in die ganze Welt.
8) Im ausgehenden 19. Jahrhundert entsteht in den USA als Reaktion auf die Säkularisierung und den Liberalismus der Moderne der Evangelikalismus, der viele der genannten Denominationen in sich vereint. Dabei gilt es festzuhalten, dass sich der Hauptstrang des Evangelikalismus 1957 weitgehend vom fundamentalistischen rechten Flügel der Evangelikalen in den USA getrennt hat und der europäische Evangelikalismus nicht mit diesem gleichzusetzen ist
9) Religionsfreiheit wird in Deutschland 1848, in Österreich 1919, in Europa mit der Menschenrechtskonvention 1948 theoretisch zugesichert.
10) So kommen im 19. Jahrhundert die Baptisten zurück nach Deutschland. 1846 wird in London die World Evangelical Alliance gegründet. Aus den USA kommen Mennoniten und Baptisten als Missionare ins säkularisierte Europa zurück, wo sie sich schnell vermehren und als evangelische Freikirchen entfalten. Ab den 1920er Jahren kommen die Pfingstkirchen und charismatischen Bewegungen dazu. Evangelikale kommen nach dem 2. Weltkrieg mit der amerikanischen Besatzung nach Europa. Nach dem Fall der Mauer im 20. Jahrhundert kommen ca 350.000 Mennoniten (die ungetauften Kinder und Jugendlichen nicht mitgezählt) als Russlanddeutsche zurück und gründen im deutschsprachigen Raum feikirchliche Gemeinden.

Seit den 1960er Jahren vervielfältigt sich die christlich-freikirchliche Szene auch in Österreich, in den letzten 30 Jahren hat sie sich sogar verzehnfacht. Dies nicht zuletzt auch aus dem Grund, dass ehemalige Glaubensflüchtlinge und Mitglieder vieler Denominationen aus aller Welt als Asylanten nach Europa kommen und wiederum neue Freikirchen gründen. Als Zeichen einer neuen aufziehenden Reformation kann gedeutet werden, dass sich seit der Jahrtausendwende die Gruppen untereinander versöhnen, es entstanden und entstehen Zusammenschlüsse und Dachverbände christlicher Freikirchen.

Gegenwärtig zählt die immer noch lebende weltweite Waldenserkirche etwa 100.000 Mitglieder, die Hussitische Kirche und die Böhmischen Brüder stellen unter dem Namen „Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder“ in Tschechien derzeit etwa 125.000 Mitglieder. Als größte weltweit strukturierte christlichen Freikirchen zählen heute die Herrnhuter Brüdergemeinen als Unitas Fratrum mit etwa einer Million Mitglieder, die Täufer-Mennoniten mit ca. 1,6 Millionen, die Methodisten mit etwa 92 Millionen und die Baptisten mit ca. 110 Millionen getaufte Mitglieder. Zudem wird derzeit weltweit mit etwa 285 Millionen evangelikalen, 280 Millionen pfingstlichen und 305 Millionen charismatischen Christen5 gerechnet – Wachstumsrate dreimal so schnell wie die der Weltbevölkerung6.
Die nunmehrige staatliche Anerkennung dieser christlichen Freikirchen auch in Österreich stellt der versöhnliche Abschluss einer mehr als 800 Jahre dauernden Geschichte der Verfolgung und Ausgrenzung dar.

Allgemeine Betrachtung zur Bedeutung von Freikirchen für die Zukunft der Religion
Historisch gesehen kann die Verteidigung der Menschenrechte als der wichtigste Beitrag der Religion zur modernen Demokratisierung eingeordnet werden. Dabei haben die christlichen Freikirchen bei der Durchsetzung des neuzeitlichen Grundsatzes der allgemeinen Menschenrechte als transzendenter und offensichtlicher Wahrheit eine entscheidende Rolle gespielt, so der spanische Religionssoziologe José Casanova.7 Indem sie die Religions- und Gewissensfreiheit als ein unveräußerliches, gottgegebenes Recht, ja als Grundlage aller modernen Rechte und Freiheiten begründeten, traten die christlichen Freikirchen für die Heiligung der Menschheit in der Person jedes einzelnen Menschen ein.
Unter den Bedingungen der Moderne beinhaltet das religiöse Bekenntnis eines Individuums, selbst wenn es einer orthodoxen religiösen Tradition anhängt, immer auch, dass es sich dabei um eine reflektierte, persönliche und freie Wahl handelt. Das individuelle Erweckungserlebnis, für das sich in besonderer Weise der Pietismus eingesetzt hat, kann daher für alle Formen der Religion in gewisser Weise als paradigmatisch gelten.
Obgleich es sicher noch einige Zeit dauern werde, „zeige sich zunehmend“, so Casanova, dass, „trotz seiner ‚historischen Ausnahmestellung’, das ‚amerikanische Modell’ mit seiner Trennung von Kirche und Staat, seiner freien Religionsausübung, seinen freiwilligen Denominationen und seinem religiösen Pluralismus am besten mit den differenzierten Strukturen der Moderne“8 kompatibel sein wird.


1 Das Wachstum des Gesamtchristentums geht fast allein auf das Konto der Evangelikalen, die für sich genommen eine der am schnellsten wachsenden größeren Glaubensgruppen der Welt sind. http://www.pewforum.org/2011/12/19/global-christianity-exec/ 12.08.2013, Vgl. auch: JOHNSTONE, P.: Viel größer als man denkt: Auftrag und Wachstum der Gemeinde Jesu. Holzgerlingen, 1999, 171ff
2 GELDBACH, Erich: Freikirchen – Erbe, Gestaltung und Wirkung. Bensheimer Hefte 70, Göttingen ²2005
3 Alle Bibelzitate aus Revidierte Lutherbibel (1984) nach BibleWorks 5
4 Vgl.: Artikel Menschenrechte. Von: https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Erkl%C3%A4rung_der_Menschenrechte #cite_note-Art.1-1#cite_note-Art.1-1 / abgelesen am 20.3.2013
5 Aus: http://www.pewforum.org/2011/12/19/global-christianity-exec/ 12.08.2013
6 Dies ergibt sich bereits aus der prozentualen Wachstumsrate von 4,7 %, die weit höher als die der Weltbevölkerung (1,39 %) liegt. http://www. evangelikal.de/statistik.html, Stand 12. 08. 2012. Dabei sind Zahlen von über 100 Millionen evangelikale Christen in China im Gespräch, die hauptsächlich in Untergrund-Hauskirchen organisiert sind. Vgl.: BARRET, D.B. / JOHNSON, T.M. / CROSSING, P.F.: Missionmetrics 2008. Reality Checks for Christian World Communions. In: International Bulletin of Missionary Research 32, 01, 2008, 27-31
7 Vgl. CASANOVA, José: Religionen zwischen Säkularisierung und Entprivatisierung. In: Gabriel, Karl / Reuter, Hans-Richard (Hg): Religion und Gesellschaft. UTB, Paderborn u.a.2004, 285-293
8 Casanova. 287


Literatur:
BROADBENT, E. H.: 2000 Jahre Gemeinde Jesu: Eine spannende Kirchengeschichte besonderer Art. Dillenburg, ² 2012
CASANOVA, José: Religionen zwischen Säkularisierung und Entprivatisierung. In: Gabriel, Karl / Reuter, Hans-Richard (Hg): Religion und Gesellschaft. UTB, Paderborn u. a., 2004
COX, Harvey: Die Zukunft des Glaubens. Wie Religion wieder zu den Menschen kommt. Freiburg/B, 2010
FAST, Heinhold (Hg): Der linke Flügel der Reformation. Glaubenszeugnisse der Täufer, Spiritualisten, Schwärmer und Antitrinitarier. Bremen, 1962, XII-XIII. Reihe: Schröder, C.M. (Hg): Klassiker des Protestantismus. Bd. IV.
GELDBACH, Erich: Freikirchen – Erbe, Gestaltung und Wirkung. Bensheimer Hefte 70, Göttingen, ²2005
GOERTZ, Hans-Jürgen: Die Täufer. Geschichte und Deutung. München, 1980
HOLTHAUS, Stephan: Die Evangelikalen. Fakten und Perspektiven. Lahr/Schw., 2007
HUGHEY, J.D.: Die Baptisten. Stuttgart, 1964
JOHNSTONE, Patrick: Viel größer als man denkt: Auftrag und Wachstum der Gemeinde Jesu. Holzgerlingen, 1999
LAMBERT, Malcolm: Häresie im Mittelalter. Von den Katharern bis zu den Hussiten, Darmstadt, 2001
ROGGE, Bernhard, E.: Das Evangelium in der Verfolgung. Köln, 1922
SCHAEFFER, F.: Wie können wir denn leben? 1977

Der vorliegende Text ist ein Teil meines Buches:
Evangelische und Evangelikale Freikirchen. Ihre tiefen Wurzeln und Relevanz in der Zukunft. ISBN 978-3-95776-071-5 im Verlag VTR
www.hella-hagspiel-keller.com, Email: hella.keller@gmx.at

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