Die Täufer – eine Bewegung nimmt ihren Lauf

„Tausende“ – so Chronist Sebastian Franck im Jahr 1531 – „nahmen die Taufe an und überzogen das ganze Land“.3

Die Verfolgung: geplagt, gefangen, enteignet, vertrieben, verkauft, ermordet

Schon sehr bald nach dem die Bewegung entstanden war, bis ins 18. und teilweise bis ins 19. Jahrhundert, wurden Täufer in den meisten europäischen Territorien unterdrückt und durch Verfolgung, Ausweisung, Folter und Tod bedroht. Besonders schwer war die Verfolgung in den habsburgischen Ländern und in der Schweiz. Ihren genauen Aufzeichnungen von Anfang an verdanken wir einen guten historischen Einblick. Das Geschichtsbuch der Hutterischen Brüder und der mennonitische Märtyrerspiegel beschreiben zusammen etwa 1500 namentlich erfasste Einzelschicksale. Die neuere Täuferforschung rechnet mit der doppelten Zahl an Opfern. Täuferfamilien wurden, wenn sie nicht zu Tode gebracht wurden, ihrer Kinder und ihres Besitzes enteignet, mittellos des Landes verwiesen oder in die Sklaverei oder die Galeeren verkauft. Verfolgt wurden sie von allen Seiten: Von der römisch-katholischen Kirche, von der lutherischen und reformierten Geistlichkeit und von staatlichen Autoritäten.
Der Täuferforscher Wolfgang Krauss spricht im Blick auf das Ausmaß des Martyriums, das die Täufer durchlitten haben, von einem „Ekklesiozid“.

Zufluchtsorte

Die Verfolgten suchten Gleichgesinnte und bildeten Glaubensinseln in Gegenden, in denen Religionstoleranz zu finden war. Denn in einigen Territorien fanden die antitäuferischen Gesetze keine oder wenig strikte Anwendung. Hervorzuheben sind hier besonders die mutigen Adelsleute in Böhmen und Mähren, die die Täufer vor dem Zugriff durch die Habsburger so lange wie möglich schützten. Unter der Herrschaft des Landgrafen Philipp von Hessen erhielten die Täufer sogar Gelegenheit, in geschlossenen oder öffentlichen Gesprächen ihren Glauben zu vertreten. An anderen Orten duldete man Täufer, sofern sie sich in aller Stille versammelten und auf missionarische Aktivitäten verzichteten. In den Niederlanden wurde unter den Oraniern, die die Rebellion gegen die Habsburger anführten, im Jahr 1579 religiöse Toleranz eingeführt, die die Täufer und ihren Glauben schützte.

Warum wurden die Täufer denn so verfolgt?

Nachfolgend wird etwas ausführlicher auf die theologischen Überzeugungen der Täufer eingegangen, weil diese großteils zur Grundlage des theologischen Denkens heutiger evangelischer Freikirchen geworden sind.
In manchen vereinfachenden Darstellungen werden die Verfolgungen damit begründet, dass die Täufer in Beziehung mit den Bauernaufständen (ab 1524) standen oder diese sogar anstachelten. Sie solidarisierten sich beispielsweise mit den Forderungen der aufständischen Bauern nach eigener Pfarrerwahl. Solche Beziehungen gab es mancherorts und kurzzeitig. Aber schon in den Schleitheimer Artikeln von 1527 wird ausdrücklich Gewaltlosigkeit im Glaubensbekenntnis festgehalten und Gewaltlosigkeit ist zu einem der wesentlichen Merkmale täuferischer Glaubenslehre geworden. Weder ihr Lebenswandel noch ihr gelegentliches Mittun in den Auf- und Widerstandsbewegungen des 16. Jahrhunderts waren also Auslöser der blutigen Verfolgung. Was so sehr zum Zorn reizte war ihre grundsätzliche Haltung, „Gott mehr zu gehorchen als Menschen“ (Apostelgeschichte 5,27-29). Folge ihres Festhaltens am neutestamentlichen Vorbild war, dass sie sich aller weltlichen Macht und Kontrolle entzogen und gegebenenfalls mit Leib und Leben dafür bezahlten.

Gott mehr gehorchen als den Menschen

Leben nach der Heiligen Schrift wie die Urgemeinde – das gemeinsame Anliegen der Täufer und der Freikirchen seit jeher

Heiligung und Nachfolge bei den Täufern
Als zentrale Eckpfeiler verstanden die Täufer die Nachfolge Christi und die Heiligung des Lebens. Es gilt das allgemeine Priestertum und es gibt keine klerikale Elite; alle sind vor Gott gleich und bringen sich gemäß ihren Begabungen ein. Allein die Bibel soll Grundlage der in der Landessprache gehaltenen Predigt und Lehre sein.

Täuferische und volkskirchliche Ansichten zur Taufe
Nach täuferischem, neutestamentlichem Verständnis (Johannes der Täufer) erforderte die Taufe eine vorausgehende bewusste Bekehrung des Gläubigen zu Gott. Für einen Säugling ist dies nicht möglich, also habe eine Säuglingstaufe so viel Wert wie ‚wenn man eine Kuh netzet‘. Die Gemeinde Gottes kann ausschließlich eine Gemeinschaft der Bekehrten und bekennenden Getauften sein.
Aus reformierter Sicht galt die Säuglingstaufe jedoch durchaus als schriftgemäß, sie wurde gleichsam als neues Bundeszeichen verstanden, analog zum alttestamentlich-jüdischen Bundeszeichen der Beschneidung. Mit diesem Bundeszeichen bekannten sich die Eltern mit ihrem Kind als Glieder des neuen Gottesvolkes, eben der protestantischen Volkskirche.

Volkskirche oder Gemeinschaft der Heiligen?
Im Kern treffen hier zwei gegensätzliche Vorstellungen von christlicher Nachfolge aufeinander: Zum einen die reformatorische Volkskirche, die mit dem politischen Ringen um Aufbau und (militärischer!) Verteidigung des neuen konfessionellen Staates verschmolz. Die Pfarrer sollten gleichsam die Rolle alttestamentlicher Propheten einnehmen und in der Verwaltung solcher Volkskirchen sollten weltliche Mächte, Fürsten und Stadträte eingreifen können.
Zum anderen das täuferische Konzept einer als urchristlich verstandenen Gemeinschaft der Heiligen, die eine persönliche Glaubensentscheidung getroffen haben und der Schrift gemäß leben. Für die Täufer galt also die radikale Autonomie der christlichen Gemeinde gegenüber weltlichen Autoritäten. Mit dieser Haltung brachten die Täufer die völlige Nichtanerkennung dieser neuen volkskirchlichen Ordnung zum Ausdruck und wurden deshalb bis aufs Blut verfolgt.

Provokation: Ablehnung von Eid und Kriegsdienst
Die neutestamentliche Position der Gewaltlosigkeit (Bergpredigt in Matthäus 5,38-52) und die Verweigerung jeglichen Eides („Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt“. Matthäus 5,34) war Evangelium, also Grundlagenverständnis von dem, was die Täufer als kompromisslose Nachfolge Christi verstanden.
Dies aber stand in völligem Gegensatz zur weltlichen Machtpolitik, mit der sich die protestantische Volkskirche verbunden hatte.
Die praktische Folge der Ablehnung jeglichen Eides führte aber auch zur Verweigerung der damals üblichen Lehens- und Gehorsamseide gegenüber der staatlichen Autorität (besonders in der schweizerischen Eidgenossenschaft), und damit auch zur Verweigerung des Kriegsdienstes. So machten sich die Täufer in den Augen sowohl der katholischen als auch der evangelischen Obrigkeiten verdächtig, zumindest strukturell den Umsturz der gerade neu errungenen Machtverhältnisse anzustreben, auch wenn die meisten Täufer nachweislich ein völlig passives und zurückgezogenes Leben führten.

Von den Täufern zu den heutigen Freikirchen

Täufer in Österreich

Wir haben von der gnadenlosen Verfolgung in Tirol und Vorarlberg gehört. Ebenso gingen die Habsburger in den anderen Gebieten ihrer Herrschaft vor. So wurden z.B. in Graz in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Täuferfrauen in der Mur ertränkt und Täufermänner im Paulustor erhängt. Im Weinviertel wurden 1538 in den Verliesen der Burg Falkenstein zahlreiche nun auch aus Mähren vertriebene Täufer inhaftiert. Die Frauen und Kinder wurden in der Burg festgehalten, während die Männer gekettet nach Triest zu laufen hatten, um dort auf den habsburgischen Galeeren zu dienen, was fast ausschließlich mit dem Tod endete.4 In Österreich wurden noch bis zum Toleranzpatent von Joseph II. 1781 Täufer verfolgt und vertrieben, später blieben sie illegal im Untergrund bis zum Ende des Habsburgerreiches 1918. Auch danach wurden sie als bedrohliche „Sekten“ misstrauisch beobachtet oder verdrängt. Endlich, nach dem Zweiten Weltkrieg fanden die Gläubigen Verstärkung durch freikirchliche Besatzungsmitglieder und Zuzug von Missionaren und Gläubigen aus England, den USA und der Schweiz.

Täufer in Böhmen und Mähren

Ihre Geschichte entwickelte sich auf verschiedenen Wegen weiter:
Bereits um 1494 hatten sich die seit langem in Böhmen und Mähren lebenden Waldenser mit den pazifistischen Hussiten zu einer Brüderunität zusammengetan. Schon bald drang die geheime Kunde durch die Lande, dass man in Mähren seinen Glauben frei ausleben durfte. Obwohl die Markgrafschaft Mähren ab 1527 zum Herrschaftsgebiet der Habsburger gehörte, weigerten sich die Grafen, unter ihnen die Liechtensteiner, die Täufer zu verfolgen. Deshalb flüchteten bereits früh viele Täufer aus Tirol, Südtirol, aus Vorarlberg, der Schweiz, der Pfalz, aus Schwaben und Schlesien nach Mähren und fanden sich dort mit Glaubensgeschwistern zusammen. Flucht- und Versammlungspunkt der täuferischen Bewegung wurde bald die kleine Stadt Nikolsburg im Süden nahe der österreichischen Grenze, wo der Täuferführer Balthasar Hubmaier bereits ab 1526 eine lokale täuferische Reformation durchgeführt hatte.

Die Hutterer

Auf Grund interner Schwierigkeiten trennten sich jedoch im Januar 1531 etwa 150 erwachsene Täufer von den Austerlitzern und übersiedelte unter Führung von Wilhelm Reublin nach Auspiz, wo der erst große Bruderhof entstand. Im Oktober 1533 wählte die Auspitzer Gemeinschaft schließlich den Südtiroler Jakob Hutter zu ihrem Vorsteher, und wurde somit zur Keimzelle der hutterischen Bewegung. Die Hutterer hatten sich bald einen guten Ruf wegen ihrer Handwerkskunst, ihres Fleißes und ihrer Ehrlichkeit erworben. Immer wieder schickten die Mährischen Bruderhöfe Sendboten in die Schweiz und nach Österreich, um Gläubige zu werben und ihnen auf der Flucht zu helfen. Hutter stabilisierte die noch junge Auspitzer Gemeinde, so dass sich dieses Modell einer urchristlich-kommunitären Produktions- und Gütergemeinschaft weiter festigen konnte. In diesem Modus des Zusammenlebens haben die Hutterer bis heute überlebt.
Der Dreißigjährige Krieg vertrieb jedoch auch die Hutterer aus Böhmen und Mähren. In mehreren Fluchtwellen kamen sie über die Slowakei und Siebenbürgen in die Walachai und schlussendlich ab 1788 nach Russland, wo Katharina II. ihnen freies Land und freie Religionsausübung versprach. Als auch dort 1874 die Religionsfreiheit aufgehoben und der Wehrdienst auch für die Täufer verpflichtend eingeführt wurde, flüchteten diese zu großen Teilen nach Nordamerika, wo sie heute mit etwa 50.000 Leuten in über 450 Kolonien leben. Gütergemeinschaft, Gewaltlosigkeit, eine klare Ethik und eine gewisse „Absonderung von der Welt“ sind bis heute ihre Markenzeichen.

Herrnhuter Brüdergemeine – heute weltweite Unitas Fratrum

Ab den 1720er Jahren sammelte Graf Nikolaus von Zinzendorf die verstreut überlebenden täuferischen Glaubensfamilien und siedelte sie auf seinem Landgut in der Oberlausitz an. Ihrer ausgeprägten Religiosität entsprechend stellten sie ihre Gemeinschaft unter die „Obhut des Herrn“ und nannten sie deshalb „Herrnhut“. Die Herrnhuter Brüdergemeine (ohne „d“, dies in Abgrenzung zu anderen) trägt im englischen Sprachraum die Bezeichnung Moravian Church, Mährische Kirche, da sie ja ursprünglich aus dem zu Böhmen gehörenden Mähren kam. Weltweit bezeichnet sie sich auch als Unitas Fratrum.
Herrnhut wurde sehr bald zum Ausgangspunkt intensiver Missionsarbeit in ganz Europa. Binnen weniger Jahre entwickelte sich ein dichtes Netz von Freundeskreisen und Tochtergemeinden. 1771 entstand z. B. mit Christiansfeld eine Stadt der Herrnhuter in Dänemark, vom dänischen Königshaus gefördert, die großen geistlichen Einfluss hatte.
Die Siedlungen der Brüdergemeine wurden wiederum Ausgangspunkt für weltweite Mission, aus der viele eigenständige Kirchen in den ehemaligen Missionsgebieten hervorgegangen sind, die heute umgekehrt Missionare ins säkularisierte Europa aussenden.
Heute zählt die Unitas Fratrum weltweit ca 1.100.000 Mitglieder und wirkt in 36 Ländern auf fünf Kontinenten5.

Von den Täufern zu den Mennoniten

Die immer wieder vertriebenen, aber noch überlebenden Täuferfamilien Europas waren bereits durch Gefängnisstrafen, Folter, Geldbußen und Güterkonfiskationen völlig ruiniert worden und machten sich nun wie Abraham im Alten Testament (1. Mose 12,2) auf den Weg „…in ein Land, das ich dir zeigen werde“.
Unter dem Wiedertäufermandat flohen schweizerische, österreichische und süddeutsche Täufer in die Niederlande, wo Religionsfreiheit zu finden war. Es waren denn auch niederländische Mennoniten, welche die völlig mittellosen und traumatisierten Glaubensgeschwister willkommen hießen, schützten, beherbergten und menschlich, finanziell und logistisch unterstützten. So formierten sich dort viele zu Beginn des 17. Jahrhunderts neu und fanden unter dem Schutznamen „Mennoniten“ (um der Todesstrafe zu entgehen) neuen Zusammenhalt.
Ab 1609 flüchteten auch die späten Erben John Wycliffs, Dissenters und Puritaner aus England nach Amsterdam, um sich von Mennoniten taufen zu lassen. Ein Teil von ihnen ging zurück nach England und gründete dort täuferisch – baptistische Freikirchen, eine andere Gruppe segelten 1620 mit der „Mayflower“ in die neuen Kolonien von Nordamerika. Als „Pilgerväter“ gingen sie in die Geschichte ein, entfalteten sich als Baptisten zur bedeutendsten religiösen Bewegung, die stark die Gesellschaft und Sozialpolitik der werdenden USA mitprägte und sich als erste für Demokratie und Menschenrechte einsetzte.

Gläubigentaufe in der Amsterdamer Singelkerk Darstellung von S. Fokke um 1743)

Die Mennoniten als Überlebende der Radikalen Reformation

Vermutlich ungewollt übernahm Menno Simons (1496-1561) die Rolle des Namensgebers, denn die Bezeichnung „Mennoniten“ bürgerte sich bald als verdeckter Schutzname für die Täufer ein und wird bis heute verwendet.6 Ursprünglich war Menno Simons ein katholischer Priester aus Friesland, der sich zur Täuferbewegung bekehrte und dort bald eine führende Position einnahm. Zusammen mit Dirk Philips, einem ehemaligen Franziskaner, waren die beiden unermüdlich zwischen Amsterdam und Danzig, dem Rheinland und Holstein unterwegs, um die verstreuten Gemeinden zu stärken.
„Um den verirrten Schafen, die keinen Hirten mehr hatten, ein Führer zu sein, ließ er sich taufen und ordinieren.“ Menno sammelte so die Versprengten und stärkte sie seelsorgerlich in ihrer desolaten Verfolgungssituation. Mit seinem „Fundamentbuch“ begründete er eine einheitliche täuferische Theologie.

Ausgehend von der Bergpredigt, verkündigte Menno eine bewusst pazifistische Glaubenslehre und stützte sich dabei auf das Schleitheimer Bekenntnis, wie es die Schweizer Täufer schon 1527 formuliert hatten.
Auf allen Stufen seiner Theologie versuchte Menno, das ganz Neue in der Menschheitsgeschichte zu beschreiben, das mit Jesus Christus begonnen hatte.
Die wichtigste Zäsur im Leben eines Menschen geschieht in der geistlichen Wiedergeburt, die auf die Bekehrung folgt. Der durch den Geist Christi erneuerte Mensch unterscheidet sich grundsätzlich von dem, der er davor war. Daher wird die Wiedergeburt sehr betont. Solcherart wiedergeborene Menschen bilden die Gemeinde, die Braut Christi. Wer zur Gemeinde gehört, hat seinem sündhaften Leben abgesagt, sich der Taufe auf das Bekenntnis des Glaubens unterzogen und sich verpflichtet, ein neues Leben in der Nachfolge Christi zu führen.

Mennoniten können, gemeinsam mit den Hutterern und den Amischen als die direkten Überlebenden der radikalen Reformation verstanden werden. Ausgrenzung und Bedrohung führten bis ins 20. Jahrhundert hinein immer wieder zur Auswanderung und in der Folge zu weltweiter Verbreitung. Die Mennoniten sind daher heute eine weltweite evangelische Freikirche.7 Jörg Ernesti schreibt in diesem Zusammenhang:

„Was ihre historischen Ursprünge angeht, gehören die Mennoniten zu den ältesten noch existierenden Täufergemeinschaften. Mit ihrer ungebrochenen pazifistischen Tradition gehören sie zu den historischen Friedenskirchen und bildeten Freikirchen, lange bevor es dieses Wort gab.“8

Verbreitung der Täufer – Mennoniten

Das Täufertum konnte sich in Europa aufgrund der allgegenwärtigen Unterdrückung und Verfolgung kaum auf natürliche Weise entfalten. So kam es eigentlich nur, ausgehend von Amsterdam, in den nördlichen Regionen Europas zur Bildung von bodenständigen Täufer-gemeinden. Von dort wuchs die Bewegung der Ostseeküste entlang über Danzig bis in die baltischen Länder.
Mennonitische Täuferfamilien kultivierten in Polen die Niederungen des Weichsel-Nogat-Deltas und ihre landwirtschaftlichen Fähigkeiten, ihr Fleiss und ihre Verlässlichkeit wurden weitum berühmt. In städtische Gemeinden wie Altona (1601), Krefeld (1607) und Friedrichstadt an der Eider (1621) brachten sie es zu Wohlstand und entwickelten ein reges Gemeindeleben.9

Auswanderungen nach Westen

Die Täufer-Mennoniten waren denn auch unter den ersten deutschsprachigen Volksgruppen, die wegen religiöser Verfolgung aus Europa auswanderten. 1683 emigrierten viele nach Pennsylvania, wo sie gemeinsam mit den täuferischen Quäkern den Ort Germantown (Deitscheschteddel) gründeten und sich für die Abschaffung der Sklaverei 1688 einsetzten.
Hier entstand auch 1748 die erste deutsche Ausgabe des „Märtyrerspiegels“. Dieser dokumentiert auf weit über 1000 Seiten die Geschichte der christlichen Märtyrer von den Aposteln bis zu den Christen des 16. Jahrhunderts und beschreibt zum Teil ausführlich deren Leiden. Das Buch enthält zudem Briefe gefangener Christen und Testamente hingerichteter Eltern an ihre Kinder. Einen besonderen Schwerpunkt bilden die Martyrien der vom Wiedertäufermandat bedrohten Täufer. Der eigentliche Titel des Märtyrerspiegels ist „Der blutige Schauplatz oder Märtyrerspiegel der Taufgesinnten oder wehrlosen Christen, die um des Zeugnisses Jesu, ihres Seligmachers, willen gelitten haben und getötet worden sind, von Christi Zeit bis auf das Jahr 1600“.
Die staatsunabhängige Entwicklung der Kirchen in Nordamerika kam dem freikirchlich-kongregationalistischen Gemeindeverständnis der Täufer-Mennoniten entgegen, sodass die mennonitischen Gemeinden sich bald zu starken regionalen und nationalen Verbänden entwickeln konnten. Diese nordamerikanischen Mennoniten versuchten, ihre Identität auf unterschiedlichste Weise angesichts gesellschaftlicher Konflikte (Bürgerkrieg, Weltkriege, Korea- und Vietnamkrieg), technischen Fortschritts und moderner Weltanschauungen zu behaupten.10

Auswanderung nach Osten

Ab 1788 boten Katharina II. von Russland und ihre Nachfolger den Mennoniten Religions-freiheit und freies Land zum Siedeln an. Deshalb wanderten nun viele nach Russland aus, siedelten in der Ukraine (Chortizza und Molotschna) und später auch an der Wolga und Sibirien, wo sie als Russlandmennoniten in die Geschichte eingingen.11 Dort entstanden blühende landwirtschaftliche Kommunen und ein vorbildliches Schulwesen. Die menno-nitische Kolonie an der Molotschna war während des 19. Jahrhunderts Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von bedeutenden christlichen Erweckungsbewegungen. Ab etwa 1860 begannen Baptisten aus Deutschland, bestärkt von der methodistischen Erweckungs-bewegung, ebenfalls nach Russland auszuwandern. Sie vermischten sich oft mit den bereits bestehenden mennonitischen Gemeinden.

Als Russland 1874 die allgemeine Wehrpflicht einführte und dabei auch die Mennoniten nicht verschonte, emigrierten viele von ihnen weiter nach Nordamerika und Kanada, wo neue mennonitische Gemeinden und Siedlungen entstanden, z.B. Steinbach und Winkler. Im 20. Jahrhundert gab es von dort eine Auswanderungswelle nach Südamerika, wo vor allem in Paraguay wiederum große Siedlungen gebaut wurden.12 Unter den kommunistischen Machthabern, vor allem unter dem Terror Stalins, erlebten die Mennoniten in Russland wiederum Enteignung, Misshandlung, Deportation; ca. 35.000 kamen grausam um. Ab den 1920er-Jahren flüchteten mehrere zehntausend russlanddeutsche Mennoniten in Richtung Deutschland und der USA.

Weitere Entwicklung der täuferischen Freikirchen – Rückkehr nach Europa

Im ausgehenden 19. Jahrhundert entsteht in den USA als Reaktion auf die Säkularisierung und den Liberalismus der Moderne der Evangelikalismus, der viele der genannten täuferischen Denominationen in sich vereint. Ab den 1920er Jahren kommen die Pfingstkirchen und charismatischen Bewegungen dazu. Im 20. Jahrhundert setzen sich Mennoniten, Baptisten und später auch Evangelikale aus den USA als Missionare im säkularisierten Europa ein, wo sich die Gläubigen schnell vermehren und als evangelische Freikirchen entfalten.

Religionsfreiheit wird in Europa erst nach dem Zweiten Weltkrieg zugesichert.
„Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“

Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg kommen mit der amerikanischen Besatzung viele Mennoniten als Kriegsdienstverweigerer (Pax-Boys) nach Deutschland und helfen beim Wiederaufbau mit. Hauptsächlich Mennoniten waren auch an der Gründung von CARE International sowie des Friedensdienstes EIRENE beteiligt. Das Mennonitische Hilfswerk wurde ebenfalls gegründet, um Hilfsbedürftige aller Religionen zu unterstützen.

Lebensmittelhilfe amerikanischer Mennoniten in Hamburg 1949

Von 1974 bis 2000 wanderten ca. 250.000 Mitglieder (ungetaufte Kinder und Jugendliche nicht mitgezählt) von Täufergemeinden (Mennoniten, Mennonitische Brüdergemeinden, Evangeliumschristen-Baptisten) aus Russland in Deutschland ein. Ihre historischen Wurzeln liegen, wie dargestellt, in der frühneuzeitlichen Täuferbewegung und dem aus England stammenden Täufer – Baptismus, der aus Nordamerika über Deutschland nach Russland eingewandert war. Schätzungsweise 400.000 deutsche Bundesbürger besitzen derzeit einen russlanddeutschen-mennonitisch-baptistischen Familienhintergrund.13 Viele schließen sich dem Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden an.

Heilung der Erinnerung

Ab 1989 fanden in Europa erste Dialoge zwischen lutherischen Kirchen und evangelischen Freikirchen unter dem Titel „Christus ist unser Friede“ statt. Zwischen 1998 und 2003 erfolgten unter dem Titel „Unterwegs zu einer Heilung der Erinnerungen“ die ersten offiziellen Begegnungen seit dem 16. Jahrhundert mit dem Vatikan. 2009 tagte eine internationale lutherisch-mennonitische Studienkommission. Die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes bat um Vergebung und entschuldigte sich im Juli 2010 stehend und kniend für die brutalen Verfolgungen.

Verbreitung in Österreich

Die Anfänge der Mennonitischen Freikirchen in Österreich (MFÖ) gehen auf die Flüchtlingsarbeit ab 1945 zurück. Vorrangiges Anliegen war dabei, den mennonitischen Flüchtlingen aus dem Osten zu helfen. Bald aber kümmerte sich das Hilfswerk um etwa 30.000 Flüchtlinge aller Glaubensrichtungen in ca. 20 Flüchtlingslagern rund um Linz. Heute gibt es fünf mennonitische Gemeinden in Österreich: Linz, Wels, Steyr, Gmunden und Wien.14

Seit den 1960er Jahren vervielfältigt sich die freikirchliche Szene auch in Österreich, in den letzten 30 Jahren hat sie sich sogar verzehnfacht. Ehemalige Glaubensflüchtlinge und Mitglieder vieler Denominationen aus aller Welt kommen als Asylanten zu uns und gründen wiederum neue Freikirchen. Seit der Jahrtausendwende versöhnen sich die verschiedenen Gruppen: Mennoniten, Baptisten, evangelikale, pfingstliche und charismatische Gemeinden untereinander, es entstand ein Dachverband christlicher Freikirchen in Österreich.

Am 26. August 2013 ist der Bund der oben genannen Gemeinden unter dem Namen „Freikirchen in Österreich” als Kirche staatlich anerkannt worden.

Weltweite Verbreitung und gegenwärtige Relevanz

Gegenwärtig zählen die Täufer-Mennoniten ca. 2,1 Millionen Mitglieder in 83 Ländern und die Baptisten ca. 50 Millionen Mitglieder. Zudem wird derzeit weltweit mit etwa 285 Millionen evangelikalen, 280 Millionen pfingstlichen und 305 Millionen (Zahlen teilweise überlappend) charismatischen Christen15 gerechnet. Die Wachstumsrate dieser letzteren Gruppen wird auf etwa dreimal so hoch wie die der Weltbevölkerung16 geschätzt. Evangelische und evangelikale Freikirchen stellen also bereits mehr als ein Drittel (38.9%) der weltweiten Christenheit dar.

Wesentliche positive Beiträge der evangelischen Freikirchen zur Geistesgeschichte und Gesellschaftspolitik des Abendlandes

Demokratie und das Menschenrecht der Glaubensfreiheit

Es waren vorreformatorische Persönlichkeiten und später Mitglieder täuferischer Freikirchen, die als erste die Umsetzung dieser hohen Werte in der abendländischen Gesellschaft einforderten und durchsetzten.

Jan Hus, Theologe und Dekan der Universität in Prag, gilt als erster bekannter Vorkämpfer der Glaubens- und Gewissensfreiheit. Er wurde 1415 auf dem Konzil in Konstanz verbrannt. Der täuferische Theologe Balthasar Hubmaier setzte sich ebenfalls für Religionsfreiheit ein und wurde 1528 in Wien verbrannt. 1612 veröffentlichte der Baptist Thomas Helwys in London ein Manifest, das sich für die volle Religionsfreiheit des Individuums einsetzte und die Neutralität des Staates in Glaubens- und Gewissensfragen einforderte. Er starb im Gefängnis.

Schon als die Täufer auf den großen Bruderhöfen in Böhmen und Mähren in Gütergemeinschaft lebten, hatten sie nach urchristlichem Vorbild alle Güter gemein, denn Gott ist der Eigentümer aller Dinge und vor Gott sind alle Menschen gleichwertig. Sie wählten aus ihren Reihen Verwalter, die die weltlichen Dinge in Ordnung halten sollten; und sie wählten Prediger, die für geistlichen Belange zuständig waren. Ansonsten wurden alle gemeinsamen Anliegen demokratisch miteinander besprochen und beschlossen.

Am Beginn des 17. Jahrunderts waren Täufer aus ganz Europa, speziell auch Puritaner und Baptisten aus England zu den Mennoniten in die Niederlande geflüchtet, um dort unter der Religionsfreiheit der Oranier Zuflucht zu finden. Aber bald waren die Verhältnisse auch dort zu eng und etwa 100 von ihnen, die „Pilgerväter und -Mütter“ machten sich im Jahr 1620 mit dem legendären Schiff „Mayflower“ auf in ein neues „gelobtes Land“, in die neuen Kolonien Nordamerikas. Die Ankömmlinge machten schon vor Verlassen des Schiffes einen Vertrag für das Zusammenleben gleichwertiger Menschen mit einem von allen gewählten Ältesten. „Compact of governement“ = dies kann als erster Demokratievertrag verstanden werden.

Bild der Mayflower: Mayflower in Plymouth“, von William Halsall (1882)
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Mayflower_(ship,_1609)?uselang=de

Der baptistische Pastor und Jurist Roger Williams, selbst wegen seiner Glaubensüberzeugung verfolgt, gründete 1639 auf Rhode Island eine neue Kolonie, wobei er sogleich „die volle Freiheit in religiösen Angelegenheiten für alle Bewohner“ in der damalig ersten demokratischen Verfassung verankerte. Roger Williams war, im Gegensatz zu europäischen Denkern, wo zeitgleich der Dreißigjährige Krieg wütete, der Überzeugung, dass Gewissensfreiheit nicht zu politischer Unordnung führt, sondern erst Ordnung und Frieden ermöglicht.
Für wertvolle Dienste erhielt William Penn aus der Quäker-Freikirche 1682 vom englischen König Charles II. ein Gebiet so groß wie das heutige Portugal. Er nannte es Pennsylvania und setzte schon bei der Gründung seinen Staatsentwurf um: Dazu gehörte die volle Gewährung von Glaubens- und Gewissensfreiheit wie auch ein allgemeines Wahlrecht und Schutz- und Bürgerrechte auch und gerade für die dort lebenden Ureinwohner.

Persönlichkeiten aus christlichen Freikirchen waren es wiederum, die sich 1776 für die Aufnahme dieser grundlegenden Werte in die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten einsetzten.

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind.“

Dort sind diese biblischen Werte bereits als „unveräußerliche“ Rechte definiert. Und der erste Zusatz in der Bill of Rights als dem Vorbild für die Grundrechtskataloge europäischer Verfassungen lautet: „Congress shall make no law respecting the establishment of religion or prohibiting the free exercise thereof.“

„Die Freikirchen, zu denen die Mehrheit der Siedler gehörten, wurden repräsentativ-demokratisch geleitet. Sie waren „die Kinder der Wiedergeborenen“,… „der Zweck des Lebens war immer noch die Verherrlichung Gottes“. Dieser religiösen Grundüberzeugung entsprechend, begründeten sie die allgemeinen Menschenrechte theologisch aus dem biblischen Schöpfungsglauben: Die Menschenrechte sind theonomes, d. h. Gottesrecht betreffendes Gedankengut.17

Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung vom 26. August 1789 greift diese Ideen auf und führt sie weiter aus in die bekannten Theoreme „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ in Anlehnung an die zu der Zeit aktuellen philosophischen Ideen der Aufklärung.

Die Allgemeine Menschenrechtserklärung von 1948 nimmt mit den Worten „im Geist der Brüderlichkeit“ und „Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied“ auf diese Rechtstradition Bezug. Die Europäische Menschenrechtskonvention von 1950 ist weitgehend von der UN-Charta beeinflusst und bildete die Basis zu einer gemeinsamen Verfassung der EU.

Religionsfreiheit wurde in Europa defacto erst nach dem Zweiten Weltkrieg gewährt. Seither strömen denn auch die evangelischen Freikirchen zurück auf den Kontinent ihrer ursprünglichen Herkunft.

Entfaltung eines biblischen Demokratiekonzeptes

Im frühen Vorbild des alttestamentlichen republikanisch und demokratisch verfassten Israel18 finden wir das Grundmodell von demokratisch–republikanischem Zusammenleben von Gesellschaften. Nach diesem Grundmodell versuchte die urchristlichen Gemeinschaft zusammen zu leben und dieses Modell wurde von den evangelischen Freikirchen weiterentwickelt. Nur diese Gemeinschaft Gleichwertiger sei dazu berufen, unter Leitung des Heiligen Geistes ihre eigenen Hirten (Pastoren) zu wählen, die die „congregatio“ (die eigenverantwortliche Einzelgemeinde) leiten sollten, indem sie der Gemeinschaft mit ihren Gaben dienen. Ein solches kongregationalistisches Kirchenmodell wurde zuerst bei den Täufern eingeführt.
Dieses Leitungsmodell steht im ausgesprochenen Gegensatz zur Monarchie der päpstlichen, aber auch zur Aristokratie der bischöflichen Kirchenverfassung, die eine Verleugnung der alleinigen Königsherrschaft Christi darstelle.
Nach den Täufern führten auch die Hugenotten dieses Modell 1559 bei ihrer Nationalsynode in Paris ein, die Baptisten in England führten es 1567 in ihren Londoner Gemeinden ein und nahmen es mit auf ihrer Flucht in das damalige Nordamerika. 1636 wurde die Havard University gegründet, die erste theologische Bildungsstätte des Kongregationalismus.
Im Sinne des neutestamentlichen Gedankens der Gleichheit und Verantwortlichkeit aller Gläubigen nehmen alle Mitglieder teil am Wohl und Wehe der kirchlichen Gemeinde. Dies entspricht der Teilnahme der Bürger im gesellschaftlichen Gemeinwesen, einem politischen Engagement aller Bürger in einer Demokratie. Alle gemeinsam sind dem „Gemeinwohl“ verpflichtet.
Der von den evangelischen Freikirchen konsequent vertretene neutestamentliche Grundsatz der Gleichberechtigung und Gleichverpflichtung aller Menschen, prägten entscheidend die gesamte amerikanische politische Kultur, ja die ganze englischsprachige Welt von Grund auf weit früher und profunder als dies auf dem europäischen Kontinent möglich war, der bis nach dem Zweiten Weltkrieg in den Klauen von hierarchisch geprägten kirchlichen und staatlichen Machtblöcken gefangen gehalten und entsprechend geprägt wurde.

Gegen Rassismus und für Gleichberechtigung und Sozialstaat

In afroamerikanischen Baptistenkirchen war die Rassentrennung schon von Beginn an aufgehoben, alle Menschen hatten die gleichen Rechte und Pflichten und so waren solche Freikirchen die ersten Orte, in denen eine ansonsten unterprivilegierte Volksgruppe lernen konnte, eine eigene Identität des aufrechten Ganges zu entfalten. An solchen Orten konnten sie ohne Bevormundung von Weißen lernen, sich selbst zu organisieren.

Ein Großteil des Civil Rights Movement begann so unter der Führung von freikirchlichen Predigern, wie Adam Powell oder Martin Luther King Vater (1899–1984) und Sohn (1929–1968). Von dort her organisierte sich die Bürgerrechtsbewegung und brachte nach langen, gewaltlosen Aktionen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einschneidende soziale Fortschritte. Gewaltlosen Widerstand als Kampfmittel nahm der baptistische Geistliche Joseph Dokes auch mit in die Mission nach Südafrika. Dort lernte Mahatma Gandhi von ihm und führte das indische Volk damit in die Freiheit von der Bevormundung durch die Briten.19

In der Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg waren wiederum evangelische Freikirchen maßgeblich an der Social Gospel Bewegung beteiligt. Der Vater dieser Bewegung, Walter Rauschenbusch, war ein deutschstämmiger Professor und Baptistenprediger. Er und andere kritisierten den unverhältnismäßigen Reichtum von Unternehmern, den diese durch die Ausbeutung der Arbeiter gewonnen hatten. Er rief die Christen dazu auf, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen und in diesem Sinne Gottes Reich auf Erden voranzutreiben. Er nannte dies „biblische Gemeinwohlökonomie“, „die Gottes Willen gemäß organisierte Menschheit“.

Grundpfeiler der westlichen Zivilisation
Wenn heute Demokratie und Menschenrechte, Gleichberechtigung und Sozialstaat als Grundpfeiler der westlichen Zivilisationen weltweit für alle Menschen eingefordert werden, so darf darauf hingewiesen werden, dass es wesentlich Persönlichkeiten aus evangelischen Freikirchen waren, die das biblische Gedankengut des grundlegenden Menschenrechtes der Glaubens- und Gewissensfreiheit, der Gleichberechtigung und eines sozialen Wohlfahrtstaates in die Praxis ihrer kirchlichen Gemeinschaften einführten, einübten und sich dafür einsetzten, dass ein solches freies, gesichertes demokratisches Zusammenleben in den Verfassungen der jeweiligen politischen Gesellschaften verankert wurde.

Die „Freikirchen in Österreich“ stellen sich vor

Die „Freikirchen in Österreich“20 umfassen alle Kirchengemeinden, die dem Bund der Baptistengemeinden in Österreich, dem Bund Evangelikaler Gemeinden in Österreich, den Elaia Christengemeinden, der Freien Christengemeinde – Pfingstgemeinde in Österreich oder der Mennonitischen Freikirche Österreich angehören. Seit Ende August 2013 sind sie eine gesetzlich anerkannte Kirche.

Für Österreich da sein. Insgesamt zählen die „Freikirchen in Österreich“ mehr als 160 freikirchliche Gemeinden in allen Bundesländern. Als Vereinigung und gemeinsam mit anderen Christinnen und Christen möchten sie Verantwortung für die Gesellschaft wahrnehmen und ihre Werte in die Gesellschaft einbringen. Oberstes Anliegen ist es, christlichen Glauben zeitgemäß und verständlich zu vermitteln und seine Bereicherung für das Leben und Zusammenleben von Menschen aufzuzeigen.

Die Struktur. Ansprechpartner gegenüber Öffentlichkeit, Staat und anderen Kirchen ist der Rat der „Freikirchen in Österreich“, der sich aus leitenden Personen der fünf oben genannten Freikirchen zusammensetzt. Sprecher der „Freikirchen in Österreich“ und Vorsitzender des Rates der „Freikirchen in Österreich“ ist Edwin Jung. Stellvertretender Vorsitzender ist Reinhold Eichinger.

Neben den Gemeinden der Kirche „Freikirchen in Österreich“ finden sich in Österreich weitere freikirchliche Gemeinden, denen sich die „Freikirchen in Österreich“ verbunden fühlen.
Link: Freikirchenatlas
http://www.freikirchen.at/

Das zeichnet die „Freikirchen in Österreich“ aus

Der Gottesdienst. Die „Freikirchen in Österreich“ sind offenes Haus für Menschen jeder Generation, Herkunft und Nation. Gottesdienste, Gemeinschaftsleben und das vielfältige Angebot wecken Freude daran, christlichen Glauben im täglichen Leben zu erfahren. Der Gottesdienst beginnt häufig mit Anbetung durch zeitgemäße Musik. Nach der lebensnahen Predigt bringen sich die Besucherinnen und Besucher oft durch Gebet und persönliche Beiträge ein. Viele der freikirchlichen Gemeinden bieten nach dem Gottesdienst zudem die Möglichkeit zu Gebet in vertraulichem Rahmen. Im Anschluss ist meist lockere Café-Atmosphäre angesagt. Predigt und Gebet zeichnen sich üblicherweise durch freien Vortrag und freie, auf die Situation bezogene Formulierungen aus. Die Predigten greifen Themen aus dem Leben auf und beinhalten durchaus auch humorvolle Elemente. Es darf sein, dass die Anwesenden Freude, Begeisterung und Gefühle zeigen.

FAMILIE groß geschrieben. Familie nimmt für die „Freikirchen in Österreich“ einen besonderen Stellenwert ein. So eröffnen die Gemeinden meist allen Altersgruppen den geeigneten Zugang zum Glauben. Sie erkennen, dass junge Menschen einen wichtigen Beitrag für eine dynamische Kirche leisten. Oft gibt es eigene Veranstaltungen für Jugendliche oder junge Erwachsene. Viele Gemeinden bieten Kindern anstelle der Predigt einen eigenen Gottesdienst. Die meist ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter scheuen hier keine Mühen und Vorbereitungen, um den Jüngsten die Bibel und die Liebe Gottes auf begeisternde Weise nahe zu bringen.

Das gibt es noch. Die „Freikirchen in Österreich“ bieten über die Gottesdienste hinaus ein reichhaltiges Angebot an Veranstaltungen, Gemeinschaft und Hilfestellung. Es reicht von Seelsorge über Dienste an bedürftigen Menschen hin zu Kleingruppen, in denen sich Interessierte während der Woche zu Gebet und Diskussion treffen. Die freikirchlichen Gemeinden messen dem gemeinschaftlichen Erleben des Glaubens große Bedeutung bei, ebenso der gegenseitigen Unterstützung. Viele Gemeinden bieten Kurse zu Grundlagen des christlichen Glaubens und zum Umgang mit der Bibel an. Diese vermitteln umsetzbar, wie sich Gott mehr und mehr im Leben zu erkennen gibt.

In guten Händen. Je nach Größe der Kirchengemeinden predigen ausgebildete Pastoren, Pastoralassistenten oder engagierte Gemeindemitglieder. Die Predigenden haben oft Familie und kommen „aus dem Leben“. Häufig gehen sie neben der Arbeit für ihre Gemeinde einem weltlichen Beruf nach. In einigen der fünf Freikirchen predigen auch Frauen. Die Pastoren und Pastorinnen bringen üblicherweise ein theologisches Studium einer meist freikirchlichen Akademie des In- oder Auslandes mit. Sie verstehen es, die Geschehnisse der Bibel lebendig zu schildern und faszinierende Zusammenhänge aufzuzeigen. Mit der verantwortungsvollen Aufgabe der Seelsorge sind Pastor/inn/en, Pastoralassistent/inn/en und Seelsorger/innen betraut, die diesen Dienst vollzeitlich, teilzeitlich oder ehrenamtlich ausüben.

Einheit in Vielfalt. Die einzelnen freikirchlichen Gemeinden handeln selbstständig und in finanzieller Hinsicht eigenverantwortlich. Bei gemeinsamer Glaubensgrundlage zeigen sie Freiheit und Vielfalt in ihrem Ausdruck und ihren Strukturen. Die Selbstständigkeit erlaubt den leitenden Personen entsprechende Beweglichkeit in der Gestaltung. Kennzeichnend für die „Freikirchen in Österreich“ ist neben der Vernetzung im eigenen Land die Zusammenarbeit mit Kirchen und Organisationen weltweit. Sie bringt Weiterentwicklung sowie die Möglichkeit gemeinsamer Projekte mit sich.
http://www.freikirchen.at/freikirchen/angebot/

Freikirchen in Österreich

Im deutschsprachigen Raum sind die meisten Freikirchen als evangelikal einzustufen. In theologischer Hinsicht gibt es jedoch ein breites Spektrum, das von fundamentalistisch bis liberal reicht.

Die Gemeinden in Vorarlberg

Bregenz, Freie Christengemeinde Bregenz
Dornbirn, Freie Christengemeinde Dornbirn
Dornbirn, Freie Evangelikale Gemeinde Dornbirn
Feldkirch-Tosters, Freie Evangelikale Gemeinde Feldkirch
Götzis, Offene Christiche Gemeinschaft
Hard, Freie Evangelikale Gemeinde Bregenz
Hohenems, International Christian Fellowship Vorarlberg
Langenegg, Christen im Alltag Langenegg
Rheintal, Vineyard
Satteins, God’s Will International Ministry, Gewerbestr.14a, John Anierobi, +41 765227673

Die Gemeinden in Tirol

Imst, Evangelikale Freikirche Imst
Innsbruck, Anointing of God Ministries Fulfilling Purposes.
Innsbruck, Baptistengemeinde Innsbruck
Innsbruck, Evangelikale Freikirche Innsbruck Von Gott berührt, begeistert u. bewegt.
Innsbruck, Every Nation Innsbruck Eine Kirche für alle Nationen.
Innsbruck, Freie Christengemeinde Innsbruck
Innsbruck, Freie Evangelikale Gemeinde Innsbruck
Innsbruck, Kirche im Kino
Innsbruck, Vineyard
Kufstein, Evangelikale Freikirche Kufstein
Lienz, Freie Christengemeinde Lienz
Lienz, LIFE Church Lienz Kirche mitten im Leben.
Reutte, Evangelikale Freikirche Außerfern
St. Johann, Evangelikale Freikirche Kitzbühel-St. Johann
Telfs, Evangelikale Gemeinschaft Telfs Offen für Gott. Offen für Menschen.


1 Vgl. im Gesamten: FAST, Heinhold (Hg): Der linke Flügel der Reformation. Bremen 1962;
Vgl. auch BROADBENT, E. H.: 2000 Jahre Gemeinde Jesu. Dillenburg 2012
2 Zit. bei NICOLADONI, Alexander: Johannes Bünderlin und die oberösterreichischen Täufergemeinden in den Jahren 1525-1531, Berlin 1893, 123
3 SCHÄFELE, Wolfgang: Das missionarische Bewusstsein und Wirken der Täufer. Dargestellt an oberdeutschen Quellen, Neukirchen-Vluyn 1966, 34f
4 Vgl. FLOREY, Gerhard: Geschichte der Salzburger Protestanten und ihrer Emigration. Studien und Texte zur Kirchengeschichte und Geschichte (Reihe 1; Bd. 2) Böhlau/Wien ²1986, 49-50
5 Vgl. http://www.ebu.de/brueder-unitaet/weltweite-kirche/ (abgerufen am 12.11.2016)
6 Vgl. FAST, Heinhold: Von den Täufern zu den Mennoniten. In: GOERTZ, Hans Jürgen (Hg): Die Mennoniten. Stuttgart 1971; und Zeittafel zur Geschichte der Täufer und Mennonitische Auswanderung. Von: http://www.täufergeschichte.net (abgerufen am 26. 03. 2013)
7 Vgl. Online-Nachschlagewerke zum Thema Täufer: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online, Mennonitisches Lexikon (abgerufen am 28. 03. 2013)
8 ERNESTI, Jörg: Konfessionskunde kompakt in Geschichte und Gegenwart. Freiburg 2009, 185
9 Eine ausführliche Schilderung findet sich in: Hagspiel-Keller, Hella: Die langen Wurzeln der Evangelischen und Evangelikalen Freikirchen und ihre Relevanz in der Zukunft. Bregenz 2016
10 Vgl. KRAHN, Cornelius: Die Mennonitengemeinden in Nordamerika. In: GOERTZ, H-J.(Hg): Die Mennoniten. Stuttgart 1971, 184ff; Goertz, RGG, 5, 1042
11 Vgl. HILDEBRANDT, Gerhard: Die Mennoniten in Rußland. In: GOERTZ, H.-J.(Hg): Die Mennoniten. Stuttgart 1971, 196ff
12 Vgl. DYCK, Cornelius, J.: Die Mennonitenkolonien in Südamerika. In: GOERTZ, H.-J.(Hg): Die Mennoniten. Stuttgart 1971, 206 ff
13 http://www.taeufergeschichte.net/index.php?id=russlanddeutsche_aussiedler (20. 03. 2014)
14 Vgl. PODOBRI, Martin: Transformation in Österreich. Bonn 2011, 128-131
15 Aus: http://www.pewforum.org/2011/12/19/global-christianity-exec (abgerufen am 12. 08. 2013)
16 http://www.evangelikal.de/statistik.html/ (abgerufen am 12. 08. 2012). Vgl.: BARRET, D. B. / JOHNSON, T.M. / CROSSING, P. F.: Missionmetrics 2008. Reality Checks for Christian World Communions. In: International Bulletin of Missionary Research 32, 01, 2008, 27-31
17 https://de.wikipedia.org/wiki/Unabh%C3%A4ngigkeitserkl%C3%A4rung_der_Vereinigten_Staaten
18 SCHIRRMACHER, Thomas: Ethik, Band 3,2001, 616ff
19 Genaue Schilderungen siehe: Hagspiel-Keller, Hella: Die langen Wurzeln der evangelischen und evangelikalen Freikirchen. Bregenz 2016
20 HINKELMANN, Frank: Konfessionskunde. Handbuch der Kirchen, Freikirchen und christlichen Gemeinschaften in Österreich. OM Books, 2009; ders.: Die Evangelikale Bewegung in Österreich: Grundzüge ihrer historischen und theologischen Entwicklung (1945-1998) 2014

Advertisements

Über hellakellerblog

www.hella-keller.at
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Glauben, Religion, Religionswissenschaft abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s